David Aljoscha Heinz

Dürre

Der November schenkte uns heuer nach einigen Jahren Regen endlich mal wieder Dürre. Ich genoss die Trockenheit und beschloss ungemein spontan, einen Spaziergang zu machen. So flanierte ich durch die Gassen der Stadt und kehrte im Café Drei Eulen an der Ecke mit der ungewöhnlichen Ampel ein. Ich setzte mich auf eine freie Couch mit brombeerfarbenem Bezug, der erfrischend gut roch. Der Kellner, ein hagerer Mann um die Neunzig, deutete eindringlich auf mein Gesicht, um meine Bestellung entgegenzunehmen. Ich entschied mich wie gewöhnlich für ein Glas Milch. Dann sah ich mich um, die Gesellschaft neben mir schien sich aus einem freudigen Anlass versammelt zu haben, denn alle trugen helles Schuhwerk mit weichen Socken. Gegenüber kauerte ein Clown und aß ein Telefon. An anderen Tagen wäre mir das ja recht gewesen, aber da es nicht regnete und das Jahr schon fast verstrichen war, gewann dieser Clown meine volle Aufmerksamkeit. Nach und nach wuchs der Drang in mir, den Clown ein wenig zu ärgern. Darum stand ich auf holte mir mein Glas Milch am Tresen und setzte mich links neben ihn auf einen unbesetzten Schemel und genehmigte mir vor seinen Augen einen Brocken Karamell. Ich trug jene Brocken vorsichtshalber immer in meiner Gürteltasche mit mir herum. Mein Vorhaben glückte, kaum hatte ich meinen Brocken mit meinen Backenzähnen angebissen, schon fing der Clown ganz bitterlich an zu weinen. Zuerst wusste ich nicht, aus welchem Grund er das tat – war es die Tatsache, dass er neidisch auf meinen Brocken war oder nur, weil er gerade dabei war, die Acht zu verschlingen? Denn bei dieser Zahl verging ja bekanntlich auch dem hungrigsten Aal der Welt der Appetit. Nun, ich kam nicht darum herum, ihn zu fragen.

Es war reichlich schwer, die Antwort aus ihm herauszubringen, steckte ihm doch die spitze Vier und die Fünf, römisch, im Rachen, im Gaumenraum konnte ich sogar noch das zerfledderte Ende des Anrufbeantworters erkennen. Aber nach einigen kräftigen Schlägen auf seinen Adamsapfel konnte er sich etwas verständlicher artikulieren. Tatsächlich stimmte ihn mein Brocken Karamell unendlich traurig, sodass ich Mitleid mit ihm empfand, meinen Brocken wieder zurück in meine Gürteltasche gleiten ließ, ihm und auch seinen Kindern weiterhin alles Gute wünschte und von ihm abließ.

Wenig später nieste ich versehentlich in mein Glas, verließ daraufhin aber freundlichen Grußes das Café. 

 

 

 

Damine Jamshidian

Gary

Gary war in seiner Scheune und fütterte gerade die Hühner. Er wusste, dass es nicht normal war, sich mit Tieren zu unterhalten. Im Grunde waren das auch eher Selbstgespräche … schließlich antworteten ihm die Tiere ja nicht. Für ihn war es jedoch zu einer Art Gewohnheit geworden. Seitdem er denken konnte, unterhielt er sich gerne mit seinen Hühnern, der Katze der Familie von nebenan, mit Marienkäfern, die auf seinem Fensterbrett hin und her liefen und mit den kleinen Schweinchen.

Er erzählte ihnen meistens einfach von alltäglichen Dingen, davon, wie es in der Schule war und was er gleich noch für Hausaugaben machen musste. Es kam aber auch vor, dass er sich Tieren (natürlich nur denen, die er am liebsten hatte) anvertraute und ihnen Geheimnisse erzählte. Er lief die Scheune rauf und runter und überlegte, was er gleich anziehen sollte. Er erwartete nämlich Besuch. Nicht irgendeinen Besuch, sondern von Sandra, einer Klassenkameradin. Noch nie hatte ihn jemand Zuhause besucht - und dann direkt ein Mädchen!

Gary ging in sein Zimmer auf den Dachboden und legte sich auf sein Bett. Er lag einfach da, starrte die Decke an und versuchte, nur auf seinen Atem und seinen Herzschlag zu achten. Er wartete auf das Klopfen an der Tür und war bereit, jeden Moment aufzuspringen und nach unten zu rennen. Dabei war es noch über eine Stunde hin, bis Sandra kommen wollte.

Er zwang sich, nicht mehr so viel nachzudenken und einfach mal die Augen zu schließen, um zur Ruhe zu kommen. Es dauerte nicht lange, bis er tief und fest schlief.

Er wachte auf in einem wunderschönen, riesengroßen Bett mitten in einem atemberaubend schönen Saal.

Er war unfähig sich zu bewegen und merkte, wie er immer tiefer in die weiche Matratze sank. Plötzlich sah er zwei kleine Wesen, die aussahen wie Feen oder Engel. Ich muss im Schlaf gestorben sein, dachte sich Gary. Sie flogen auf ihn zu und zerrten ihn mit aller Kraft aus dem Bett. Er stand auf und ging zum Fenster. Noch nie hatte er eine so schöne, paradiesische Landschaft gesehen. Nun war er sich sicher… er war definitiv tot. Zum Glück war er wenigstens im Himmel gelandet. Er öffnete das Fenster und hatte direkt das Verlangen, einfach hinunter in den fließenden, glasklaren Bach zu springen. Wenn er doch eh tot war, dann konnte ihm ja nicht mehr viel passieren. Doch eine der Feen hielt ihn auf. Die kleinere, etwas dickere Fee schüttelte mit dem Kopf und zeigte mit dem Finger auf das Fenster hinter dem riesigen Bett. Es war ein viel kleineres und unscheinbares Fenster. Die Feen flogen dort hin und winkten Gary rüber. Als er ankam, öffnete er das Fenster, sah hinunter und schreckte zurück. Er hatte eine ebenso paradiesische Landschaft erwartet, aber alles was er sah, war ein verwilderter Garten. Direkt unter dem Fenster entdeckte er einen Dornenbusch mit vereinzelten roten Rosen. Die kleinere Fee setzte sich auf seine Schulter und zeigte auf den Dornenbusch.

Gary sah sie verwirrt an und fragte: "Ich soll da runter?" Sie antwortete nicht, sondern drehte sich zu der anderen Fee um. Sie sahen sich an und nickten sich zu. Plötzlich flog die Fee von seiner Schulter und gemeinsam mit der anderen schubsten sie Gary hinunter.

Als er in seinem eigenen Bett aufwachte, hatte er Schmerzen. Er fasste sich in die Haare und holte ein Rosenblatt hervor. Er blieb einfach liegen. Noch wusste er nicht, wie sehr dieser und noch weitere Träume sein Leben und seine Entscheidungen beeinflussen würden.

 

 

 

David Aljoscha Heinz

Der König geht fort

 Es war Herbst, die Blätter fielen bunt von den Bäumen. Die Allee zum Königsschloss hin lag still da, ein Windstoß wirbelte hier und da das Laub auf. Sonst geschah an diesen Tagen recht wenig. Doch eines Nachmittags, ohne ein Nebengeräusch, schwang das Tor zum Königsschloss auf und der König höchstselbst trat auf die stille Straße hinaus. Die Leute, die zu dieser Zeit zufällig am Fenster standen, sahen den König, in beiden Händen einen Koffer tragend, mit dem Rücken zum Palast die Straße hinauflaufen. Sein Gang war festlich gerade, von königlichem Prunk war heute aber keine Rede. Das lag wohl daran, dass er ohne Trompeten, Lanzen und Winkel unterwegs war. Ganz allein schritt er aus der Stadt. Am Kiosk vor den Stadtmauern stellte er seine Koffer nah neben sich ab, legte etwas Kleingeld auf den Tresen und bestellte sich Wurst und ein Spezi. Diese kleine Stärkung genoss er an einem Bistrotisch neben zwei Handwerkern, die gerade Feierabend machten und sich verkniffen, sich die Wurstreste mit dem Messer aus den Zahnzwischen-räumen zu kratzen. Es begann zu regnen. August, der Kioskbesitzer, erkundigte sich beim König, ob dieser ein Taxi wünsche, er wolle doch sicher nicht nass werden. Der König winkte dankend ab, griff nach seinen Koffern und begab sich zurück auf die Straße, nun mit seiner Stadt im Rücken. Einige Bürger folgten ihm in gebührendem Abstand, war ihnen das Verhalten des Königs doch fremd und ging doch die Neugierde mit ihnen durch. Der König war kein besonders großer Mann. Er wusste sich jedoch stets längsbetont kleiden zu lassen. So trug er an beinahe allen Tagen einen Frack mit dazugehöriger Hose, Hemd, Weste sowie einen Chapeau Claque auf dem Haupt und einen mit schwarzem Klavierlack lackierten Frackstock mit vergoldetem Knauf unter dem Arm. Das besondere jedoch an diesem Erscheinungsbild war, dass jedes Teil seiner Kleidung, ausgenommen die Accessoires, vertikal gestreift war. Die Palette beschränkte sich auf kräftige, dunkle Farbtöne, wie etwa weinrot, tannengrün oder ein tiefes Dunkelblau. Am Tag seiner Abreise zu Fuß wählte er die Farbkombination aus drei nur schwer zu unterscheidenden Längsstreifen in Mitternachtsblau. Er wusste wohl um den Eindruck, den er bei seinem Volk hinterließ, als er mit eben jener Garderobe im regnerischen Glanz der blauen Stunde mit der Silhouette seiner Stadt verschmolz.