Julia Bantouvaki

Am Bahnhof

Ein kurzer Blick in die Umgebung, so viel Zeit muss doch noch sein. Was für ein schöner Morgen! Der Himmel färbt sich langsam rot, die Sonne drängt die kleinen weißen Wölkchen zur Seite und ein neuer Tag bricht an. Die Luft, immer noch frisch und mit dem leichten Duft vorüberziehender Träume getränkt, kitzelt die müden Gesichter der eintreffenden Passagiere. Die Handtasche unter dem Arm und den kleinen Koffer in der Hand schlendert Angelika über den Bahnhof. In der Ferne sind Morgengeräusche und hastige Schritte zu hören.

Der Schuh drückt, die Schnürschenkel wehen lose hinter ihm her. Noch kurz das Kleingeld einstecken, das er vom Taxifahrer bekommen hat und schnell das richtige Gleis finden. Ach, es läuft wieder alles schief! Im Hotel liegt noch die Jacke über dem Sofa. Theodor fasst sich an die Hosentasche. Gut, das Handy hat er eingesteckt. Er läuft an einem kleinen Bäcker vorbei. Jetzt links und zur Unterführung. Das Gleis müsste auf der anderen Seite des Bahnhofes liegen, so steht es auf den vergilbten Schildern neben den kleinen Läden.

Noch einen Becher Kaffee beim kleinen Bäcker im Bahnhof holen, ohne Milch mit etwas Zucker. Walter freut sich auf sein Frühstück im Zug. Seine Tochter hat ihm frisch gebackenes Brot mit selbst gemachter Wurst und einen kleinen Apfel eingepackt. So gerne besucht er sie und seine Enkelkinder, nur leider muss er zurück in die Werkstatt. Die Unterführung müsste auf der linken Seite sein, denn er hat den Seiteneingang des Bahnhofes genommen, der vom Parkplatz gut zu erreichen ist.

Der Lapislazuli-Anhänger liegt ihr sanft auf der Haut, die silberne Kette umarmt ihren Hals. Sie sind ein Abschiedsgeschenk ihrer Schüler und Schülerinnen, die sie drei Jahre lang unterrichtet hat. Die kleine Schule hatte immer schon chronischen Mangel an Lehrpersonal, so dass sie mehrere Klassen gleichzeitig betreuen musste. Sie war damit sehr zufrieden, doch seit ihrem vierzigsten Geburtstag vor ein paar Monaten hat sie sich nach einer neuen Aufgabe gesehnt.

Verschlafen ist die Kleinstadt, selten passiert etwas Spannendes. jedoch sind viele ernst aussehende Menschen angekommen, die im Hotel außerhalb der Altstadt übernachtet haben. Sogar die Presse aus der Großstadt ist vor Ort gewesen. Das Symposium in dieser kleinen Stadt war seine letzte Chance, seine Stelle als Arzt noch zu halten. Im letzten Jahr war Theodor immer wieder zu spät zu seiner Schicht im Krankenhaus gekommen, ab und zu auch gar nicht. Er konnte nicht die Kraft aufbringen, um aufzustehen, zu duschen und dann stundenlang im weißen Kittel sterbende Menschen zu betreuen. Er kann sich nicht vorstellen, das bis ans Ende seines Lebens machen zu müssen.

Eigentlich könnte Walter schon in Rente gehen, sein Lehrling Stephan ist in ein paar Monaten fertig und könnte das kleine Unternehmen gemeinsam mit Tim, Walters Sohn, übernehmen. Beide jungen Männer sind sehr kompetent, aber unerfahren. Sie müssen sich noch beweisen. Die heimische Kundschaft setzt ihr Vertrauen unbeirrt in die Firma „Schrott und Gold“. Mit einem alten Lastwagen hatte Walter damals angefangen, war durch die Straßen gefahren und hatte Schrott aufgesammelt. Da war er kaum älter als Stephan heute. Nach der Wende kam der Durchbruch. Er war einer der Glücklichen. Oder eben einer derjenigen, die sich schnell anpassen konnten. Das hat Walter jedoch viel Kraft gekostet, so dass jetzt sein Rücken dauerhaft schmerzt. Er läuft langsam den Bahnsteig entlang, lässt sich den frischen Wind ins Gesicht wehen. Der Kaffeebecher wärmt seine Hand und spendet ihm Trost, denn der Abschied fällt ihm zunehmend schwerer. Zugleich freut er sich auf Montag. Dann kann er in Ruhe auf dem Gelände seine Runde drehen und Ordnung schaffen.

Das Angebot des renommierten Verlags kam für Angelika wie gerufen. Als Lektorin würde sie ihrer Leidenschaft, dem Lesen, nachgehen können und ihre Erfahrungen als Lehrerin mit einbringen. Zunächst wird sie eingearbeitet, dann soll sie PraktikantInnen und Azubis betreuen. Es macht ihr Spaß, mit jungen Menschen zu arbeiten. Sie sind noch so naiv und voller guter Vorsätze.

Als er nach dem Abi das Studium antrat, hatte Theodor sich vorgenommen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Vielleicht würde er sogar ein Heilmittel für Krebs  entwickeln können. Nach seiner ersten Schicht im Krankenhaus wurde ihm jedoch klar, dass das nur jugendliche Träumereien waren und die Realität hart und schmerzhaft ist. Er hat noch vor Augen, wie sein erster Patient blass wurde und sich auf die Lippen biss, als er ihm mitteilen musste, dass der Chirurg nichts mehr für ihn tun konnte. Vor zwei Monaten konnte er seinen Oberarzt mit großer Mühe noch überzeugen, dass er keine Auszeit brauchte, auch keine Hilfe. Das Symposium hat er besucht, um seine schwache Leistung auszugleichen. Seine Mutter wäre so enttäuscht von ihm gewesen, war sie doch eine brillante und anerkannte Ärztin. In dieser Hinsicht ist es vielleicht besser, dass sie vor achtzehn Monaten gestorben ist. Die Erinnerungen an sie weckt in ihm gemischte Gefühle. Ihr Tod hat ihn mehr mitgenommen, als er sich je eingestehen würde.

Für eine kurze Zeit geht Walter in sich und lässt die letzten drei Tage, so viel Urlaub hat er sich gegönnt, Revue passieren. Er löst seine Gedanken von der bevorstehenden Arbeit. Ja, zwei Jahre sollte er schon noch dabeibleiben, bis Tim und Stephan bereit sind, ihn zu ersetzen. Dann kann er zu seiner Tochter ziehen, sie bei der Arbeit auf dem Hof unterstützen. Es ist sehr friedlich hier. Er führt den Kaffeebecher an seine Lippen.

Noch einen Schluck heißen Kräutertee aus der bunten Thermoskanne, Angelika atmet den herben Duft tief ein. Der Zug müsste bald kommen. „Lebe wohl, kleine süße Stadt. Möge das Universum gut zu dir und deinen Bewohnern und Bewohnerinnen sein“ murmelt sie leise in ihre Thermoskanne und schließt dabei die Augen. In der Ferne ist das eiserne Ungeheuer schon zu hören, das alle Passagiere aus diesem kleinen Vorstadtbahnhof hinaus in die weite Welt tragen wird. Die Sitzplätze 37a, 37b und 37c warten schon auf Angelika, Theodor und Walter, die geduldig auf dem Gleis stehen. Sie treten jetzt, ohne es zu wissen, die Reise in ihre Zukunft an, die ungeahnte Wendungen in ihrer aller Leben für sie bereithält.

 

 

Laura Kulik

Die Abreise

Marie stand am Bahnhof und starrte gebannt auf die Uhr.  Schwerfällig bewegten sich die großen Zeiger auf dem Ziffernblatt. Natürlich kam der Zug zu spät. An solchen Tagen kamen Züge immer zu spät. Sie stieß einen verzweifelten Seufzer aus und setzte sich etwas ungeschickt auf ihren gigantischen Koffer.

»Es sind sicher nur ein paar Minuten Verspätung«, versuchte ihre Mutter sie aufzumuntern, »du wirst sowieso viel zu früh dort ankommen.« Das stimmte. Genauer gesagt würde Marie eine ganze Woche zu früh in der neuen Schule eintreffen. Wahrscheinlich würde sie die Einzige auf dem menschenleeren Schulgelände sein, allein ihr neues Zimmer beziehen und abends allein in der Kantine aufgewärmten Eintopf essen.

Aus weiter Entfernung war ein lautes Hupen und wenig später das rhythmische Rattern von Rädern auf Schienen zu hören. Maries Puls begann zu rasen. Noch vor wenigen Sekunden hatte sie sich mit dem Gedanken abgefunden, dass der Zug gar nicht mehr kommen würde. Ihr Traum von einem Abschluss am bekannten staatlichen Internat für Musik und Kunst wäre mit einem Mal dahin. Doch jetzt überkamen sie ganz andere Gefühle. Sie, allein in einer fremden großen Stadt. Sie, die kleine Marie, die ihr Dorf so gut wie nie verlassen hatte. Marie, die wahrscheinlich nur aus Mitleid von ihrem Geigenlehrer für diese Schule empfohlen worden war. Wie sollte sie sich an diesem Ort voller musikalischer Talente aus reichen Familien nur behaupten? Wahrscheinlich würde man sie nach einer Woche des Scheiterns und der Demütigungen wieder nach Hause schicken. Ihre Eltern wären sicherlich enttäuscht und wütend, da sie nun bereits Gebühren für ein ganzes Semester gezahlt hatten und Marie würde dafür doppelt so lange im Stall aushelfen müssen.

Der Zug war jetzt ganz nah. Marie drehte sich um und ihre Mutter sah die Tränen in ihren Augen. Schnell nahm sie ihre Tochter in den Arm. »Du brauchst keine Angst zu haben, mein Schatz. Ganz schnell wirst du dich an die neue Umgebung gewöhnen und neue Freunde finden. Wenn die Ferien anfangen, willst du bestimmt gar nicht mehr nach Hause zurück.« »Und was ist, wenn ich nicht gut genug bin?« fragte Marie, während sie sich übers Gesicht wischte. Ihre Mutter lachte liebevoll. »Also, ich bitte dich. Das ist das Letzte, worüber du dir Sorgen machen musst!« Sie strich ihrer Tochter die Haare zurecht und glättete ihre Bluse, während ihr Blick ernster wurde. »Du bist die beste Geigenspielerin, die dein Vater und ich jemals gesehen haben. Und der Schulleiter war begeistert von deinem Vorspiel. Ich will nicht, dass du weiter so an dir zweifelst, in Ordnung?« Marie wusste, dass ihre Mutter sie nur aufmuntern wollte, doch sie fühlte sich nun noch mehr unter Druck gesetzt. Sie nickte und zwang sich zu einem kurzen Lächeln. Der Zug war zum Stillstand gekommen und mit einem lauten Zischen öffneten sich die Türen. Wenige Passagiere stiegen aus. Es waren überwiegend Landarbeiter auf der Suche nach Arbeit. Maries Vater übergab ihren Koffer dem Schaffner, der ihn in den Gepäckwaggon verfrachtete. »So, jetzt aber los«, fügte er leicht außer Atem hinzu, »nicht, dass der Zug nach all dem Warten ohne dich abfährt.« Ein letztes Mal nahm ihre Mutter sie fest in den Arm. Das tat gut. Marie gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. Der große dunkelhaarige Mann mit dem kantigen Gesicht und den buschigen Augenbrauen wirke plötzlich traurig und verloren. Doch Marie wusste, dass er seine Gefühle nie preisgeben würde. »Ich schreibe euch gleich, wenn ich angekommen bin«, sagte Marie noch schnell, als sie schon die ersten Stufen hoch in den Zug stieg. Ihr Vater nickte zufrieden und winkte ihr zu. In den Augen ihrer Mutter konnte sie ein paar Tränen erkennen. »Ich hab euch lieb«, wollte sie noch hinzufügen, doch der Schaffner hatte bereits die Türen geschlossen und ihre Worte erstickten hinter dem dicken Glas. Marie winkte durch die Scheibe, als sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Ihre Eltern winkten ihr Arm in Arm zurück. Schnell wurden sie immer kleiner und mit einem Mal verschwand der Bahnsteig.

»Ihre Fahrkarte bitte, junge Frau.« Marie war ganz überrascht, angesprochen zu werden. Noch dazu als ‚junge Frau‘! Sie kramte in ihrer Bauchtasche und holte mit zitterigen Händen ihre Fahrkarte hervor. »Bitteschön.« Der Schaffner betrachtete die zerknitterte Karte und stempelte sie hastig ab. »Sie müssen in Abteil sieben. Das ist im übernächsten Waggon in diese Richtung«, fügte er schroff hinzu. »Danke«, sagte sie so leise, dass sie kaum zu hören war, und machte sich auf den Weg durch den Zug. Sie war jetzt allein.