Josefine Zach

Meine Oma Uschi

Von meinen vier Großeltern habe ich den engsten Kontakt zu meiner Oma Ursula, der Mutter meiner Mutter. Als Kinder haben mein ältester Bruder und ich viele Sommer in ihrem Schrebergarten in Spremberg, der Perle der Lausitz, verbracht. In meiner Erinnerung sind das paradiesische, unbeschwerte Sommer, in denen täglich die Sonne schien und wir ohne schulische Verpflichtungen ins Blaue hineinleben konnten. Mein Bruder und ich durften den ganzen Tag lang machen, worauf wir Lust hatten. Wir wurden von Oma so verwöhnt, dass wir am Ende des Sommers nie zurück nach Hause wollten.

Es gab nur sehr wenige Regeln im Schrebergarten, auf deren Einhaltung meine Oma pochte. Die erste lautete: Genügend trinken, mindesten drei Liter am Tag! Wir durften den Tisch nicht verlassen, bevor wir unser Glas nicht ganz ausgetrunken hatten. Während des Sommers kochte sie uns immer Tee aus frischer Minze und Salbei aus dem Garten, ließ ihn abkühlen und setzte ihn uns in großen Einmachgläsern vor. Der Tee war so lecker, dass uns das Austrinken nie schwerfiel. Im Winter, wenn wir sie zu Hause besuchen kommen, kocht meine Oma immer einen Griechischen Bergtee, den sie in der Apotheke kauft. Das ist bis heute mein Lieblingstee; immer wenn ich eine Tasse trinke, denke ich an sie.

Eine weitere Regel war, dass wir sie beim Einkaufen begleiten und beim Tragen der Einkäufe helfen mussten. Aber selbst das war ein Vergnügen. Kurz vor der Kasse stand eine Kühltruhe voller Eis, aus der wir uns für die Rückfahrt auf dem Fahrrad immer eines aussuchen durften. Meine Oma ist eine ausgezeichnete Köchin. Hatten wir einen bestimmten Wunsch, erfüllte sie ihn uns immer. Ich bin wirklich froh, dass sie auch heute noch so gerne neue Gerichte und Zutaten ausprobiert und bei ihr nicht nur die klassische deutsche Hausmannskost auf den Tisch kommt. Köstliche Currys mit Kokosmilch oder Glasnudelsalate gehören genauso zu ihrem Repertoire. Für mich kocht sie sogar vegan, auch wenn sie Müsli als Vogelfutter bezeichnet und wenig Verständnis dafür hat, warum jemand auf tierische Produkte verzichtet.

Die dritte und für uns damals lästigste Pflicht war es, unsere Oma bei der Gartenarbeit zu unterstützen. Rückblickend hatten wir lächerlich wenige Aufgaben zu erledigen. Wir sollten bloß an einigen Stellen das Unkraut zupfen und abends mit dem Schlauch die Pflanzen wässern, wir Kinder empfanden das als riesige Aufgabe, die immer ausgerechnet dann erledigt werden musste, wenn wir gerade mitten im Spiel waren. Beim Kirschenpflücken halfen wir hingegen sehr gerne. Jedoch landete mindestens die Hälfte der Kirschen gar nicht erst im Korb, sondern direkt in unseren Bäuchen. Aus dem, was in der Küche ankam, buk unsere Oma köstliche Obst-Streuselkuchen, die wir, zu dritt auf der Hollywoodschaukel sitzend, genüsslich aßen. Dazu kochte Oma Uschi für sich ein Tässchen Kaffee, für meinen Bruder und mich gab es Malzkaffee.

Mittlerweile ist meine Oma 83 Jahre alt und lebt seit 46 Jahren in derselben Wohnung, in der schon meine Mutter und meine Tante aufgewachsen sind. Mich erstaunt immer wieder, wie fit sie im Vergleich zu anderen Leuten in ihrem Alter ist. Noch immer steigt sie die Treppen in den fünften Stock ohne Verschnaufpause hinauf und manchmal läuft sie sogar schneller über die Straße als ich. Natürlich hat sie an Ampeln meist auch keine Zeit, auf die nächste Grünphase zu warten, schließlich sind die Angebote aus dem Aldi- Prospekt ja immer so schnell vergriffen.

Früher arbeitete meine Oma für die städtische Straßenbahn. Obwohl ihr Ticket für ehemalige Mitarbeiter*innen seit Jahren nicht mehr gültig ist, kauft sie sich nie einen Fahrschein, sondern fährt immer schwarz. Bisher ist sie bei einer Kontrolle jedes Mal einer Strafe entgangen, weil sie sich wortgewandt rausgeredet hat. Ihre Dickköpfigkeit hat schon zu zahlreichen Streitereien zwischen meiner Oma und ihren Töchtern geführt. Trotz ihrer schrulligen Angewohnheiten liebe ich die Besuche bei meiner Oma und die damit verbundenen, stundenlangen Rummikub-Runden. Die Zeit vergeht in der Wohnung meiner Oma langsamer, ihr Tag ist um feste Essenszeiten strukturiert und alles, was in der Welt passiert, erscheint dort viel weniger wichtig. Bei ihr habe ich das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. Nach jedem Besuch brauche ich wieder eine Weile, um in mein hektisches, terminüberfülltes Leben als Erwachsene zurückzufinden.

 

 

 

Anas Kalaf

Wie die Vögel

Im November 1998 wurde ein kleines Kind vor die Tür des Waisenhauses in Damaskus gelegt. Das Wetter war sehr kalt. Denn Damaskus liegt zwischen einer Gruppe von Bergen, die den ganzen Winter mit Schnee bedeckt sind, begleitet von Frostwellen am Ende des Jahres. Das Weinen des Babys weckte andere Kinder im Waisenhaus, aber leider konnten sie nicht rausgehen, um den Jungen hineinzutragen. Die Tür wurde jeden Tag um 21 Uhr geschlossen und niemand durfte herein oder herauskommen. Das architektonische System des Hauses bestand aus einem alten Damaszenerhaus, viele Räume mit drei Etagen und einem Dach. In der Mitte des Hauses befand sich ein Platz mit einem Springbrunnen. Im Sommer versammelten sich die Kinder um den Springbrunnen. Rund um den Platz befanden sich die Räume und hohen Mauern des Hauses.

Einige Jungen kletterten eine der Wände hoch und sprangen auf die Straße, um das Kind zu holen, das nicht aufhörte zu weinen. Das kleine Kind war in einem Korb, an den Griff des Korbes war ein Seil gebunden und die Kinder zogen von der anderen Seite an dem Seil, bis das Baby die Oberseite der Wand erreichte, und plötzlich hörte es auf zu weinen. Vielleicht hatte ihm das Schwingen gefallen.

Eine der alten Traditionen in Syrien ist, dass ein Kind bei der Geburt eine Goldmünze erhält, auf der sein Name eingraviert ist. Oder ein Symbol gegen den „bösen Blick“ oder vielleicht die „Hand der Fatima“, die sogenannte „Hamsa“, die als Glückssymbol vor dem Bösen gilt. Aber die Waisenkinder fanden nur ein Papier, auf dem ein Name geschrieben war: Adam.

Adam wuchs in diesem Haus auf, so wie viele Kinder, die einen unbekannten Vater und eine unbekannte Mutter haben. Diese Kinder tragen die Last des Lebens, der Versklavung und der Unwissenheit über die Gesellschaft, weil zwei Leute eine Viertelstunde lang Spaß gehabt haben, aber nicht die Verantwortung dafür tragen wollen. Oder in einem anderen tragischen Szenario wird die Mutter ohne Ehemann nicht in der Lage sein, sich einer rückständigen Gesellschaft zu stellen. Was für eine Enttäuschung für uns Menschen, wenn wir diese Kinder beurteilen und sie als „obszön“ bezeichnen. Die meisten Kinder in Waisenhäusern leben dort wie in Gefängnissen, und das Kind tritt in die frühen Probleme des Lebens ein, wird innerhalb und außerhalb des Hauses gemobbt und vernachlässigt. Das Kind ist im Leben schrullig und wird gezwungen, Reißzähne zu haben, um sich gegen das Leben zu wehren.

Das Waisenhaus wurde von einer Frau geleitet. Das war ein Vorteil für alle Kinder dort, denn sie war liebevoll und gab den Kindern mehr Aufmerksamkeit. Adam war ein intelligentes Kind, er liebte seine Schule und seine Freunde.

Trotz guter Behandlung gab es im Waisenhaus eine spürbare materielle Schwäche festzustellen. Es gibt viele soziale Organisationen, die Waisen helfen, aber Korruption ist im Land weit verbreitet, und es wird nur sehr wenig Hilfe gegeben.

Viele Kinder wurden wegen Unterernährung ins Krankenhaus eingeliefert. Einmal verbrachte Adam wegen Unterernährung und Anämie etwa eine Woche lang im Allgemeinen Krankenhaus in Damaskus. Obwohl er im Vergleich zu anderen Kindern nicht unterernährt aussah, wog er nur vierzig Kilo.

Das öffentliche Krankenhaus war fast kostenlos, aber auch in Bezug auf Medizin und Behandlung war es schlecht. Jeden Tag wurde Adam von Lena besucht, und Adam fragte sie einmal, ob alle Patienten im Krankenhaus die gleiche Krankheit haben.

Lena: „Es gibt nicht viele Gründe, ins Krankenhaus zu kommen, mein Kleiner, aber nicht alle haben die gleiche Krankheit.“

Er zeigt mit einem Finger auf eine Frau, die auf dem Stuhl neben seinem Bett saß.

Adam: „Diese Frau schläft hier die ganze Nacht und hält die Hand des Kindes neben ihr. Ist sie seine Mutter?“

Lena: „Sie muss seine Mutter sein, mein Lieber.“

Adam: „Würde meine Mutter neben mir schlafen, wenn sie hier wäre?“

Lena: „Natürlich! Guck mal, was ich mitgebracht habe, die Geschichte von Laila und dem Wolf.“

Adam war mit der Geschichte zufrieden, und las sie die ganze Nacht. Aber die Frau war immer in seinem Kopf.

Am Morgen des siebten Tages erwachte Adam von Schreien in der Lobby, die Ursache des Schreiens war nicht bekannt, aber zwei junge Männer und ein Mädchen betraten sein Zimmer und rannten schnell auf ihn zu, „Hallo Adam, wie geht es dir?“

Adam: „Wer seid ihr?“

Einer sagt die Namen: „Das ist Moses, und sie ist Rama, und ich bin Sami.“

Adam setzte seine Brille auf und lächelte und sagte: „Hallo ihr Drei!“

Sie waren die Kinder, die eines nachts aufgewacht waren und ihn an der Tür des Waisenhauses gefunden hatten. Er hatte sie lange nicht gesehen, da die Kinder nach dem achtzehnten Lebensjahr aus dem Waisenhaus vertrieben worden waren.

Moses: „Du bist erwachsen geworden, Kind, und sehr stark.“

Adam: „Ah, und darum sitze ich hier im Krankenhaus, oder?“

Die vier lachten und Moses fragte: „Ärgert dich jemand in der Schule?“

Adam: „Nein, nach dem, was ihr neulich mit der Lehrerin gemacht habt, hat mich niemand geärgert, und niemand hat mit mir wieder gesprochen.“

Vor einem Jahr war Adam von der Schule zurückgekommen, seine Augen waren voller Tränen gewesen, weil er von einigen Schülern gemobbt worden war. Die Waisenkinder erbten jedes Jahr eine Schuluniform, nähten die zerrissenen Stellen wieder zusammen und trugen die Uniform dann ein ganzes Jahr lang.

Einer der Schüler hatte in Adams Klasse gestanden und gesagt: "Schauen Sie, Miss, wie Adams Kleidung ist, wie ein Farbfleck.“

Die Lehrerin hatte kein Wort gesagt und auch im Unterricht hatte sie nichts dagegen getan, sondern hatte sogar mitgelacht. Und als Reaktion auf die Situation, die den dreien erzählt wurde, zeichneten sie eine Karikatur von Adams Lehrerin und kleben sie in jede Ecke der Schule. Jedes Bild hatte das Zeichen der „WK“, das heißt „Waisenkinder“. Es war respektlos.

Aber Waisenkind zu sein bedeutet jedoch nicht, weniger Rechte zu haben als eine andere Person. Es ist nicht in Ordnung, über sie zu lachen. Es ist nicht in Ordnung, sie als besonderen Fall zu betrachten. Sie sind Menschen, haben auch alle Rechte. Niemand würde ihnen die Schuld für das geben, was sie getan haben.

Rama: „Wir gehen jetzt, es wurde uns gesagt, dass du heute entlassen wirst, wir sehen uns bald, Adam.“

Adam wusste, dass sie gehen würden, weil sie nicht auf Lena treffen wollten. Lena war jahrelang nicht zufrieden mit den Aktionen der zwei Jungen und des Mädchens. Sie wollte, dass sie perfekt waren, Jesus Testament folgten: "Wenn dich jemand auf die eine Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dir einer das Hemd wegnehmen will, dem gib auch deinen Mantel.“ (Lukas 6:29)

Der letzte Tag in dem Krankenhaus war ein sonniger Tag. Der Himmel war klar, ein üblicher Sommertag in Damaskus beziehungsweise den letzten Tagen des Sommers. Lena kam, um Adam abzuholen. Adam saß mit Lena im Taxi, es war sein Wunsch, mit dem Taxi zurückzufahren; er beobachtete vom Fenster aus ein paar Vögel im Himmel.

Taxifahrer: „Es ist die Zugsaison für Vögel, sie werden nach einem wärmeren Ort fliegen.“

Adam: „Sie sehen aus wie eine Familie.“

Taxifahrer: „Ja, und sie fliegen mit einem Lichtsystem, nicht wie der Auto-Verkehr hier.“

Adam: „Haben Sie jemals ein Flugzeug geflogen?“

Der Taxifahrer lächelte und sagte: „Es ist schön, die Welt von oben zu sehen, aber ich fürchte die Höhe.“

Adam: “Kann ein Pilot alle Menschen sehen?“

- „Ja.“

- „Ich möchte ein Pilot werden. Ich möchte die ganze Welt wie ein Vogel sehen.“

Dieses Kind hatte nicht mehr das Vergnügen, auf der Erde zu leben. Er wollte auf der Suche nach einem besseren Ort fliegen wie Vögel. Scham folgt dem Grund, warum Adam die Gesetze der Schwerkraft brechen würde.