Hannah Geiger

Mikas Geschichte

Mika gähnte, streckte sich ganz lang, blinzelte und öffnete die Augen. Die Sonne stahl sich an den Rändern des schweren, orangefarbenen Vorhangs vorbei ins Zimmer und signalisierte, dass es Zeit war aufzustehen. Ein Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch ließ 11:20 Uhr erkennen. Mika gähnte nochmal, schlug die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Wenn er_sie am Bettrand saß, schaukelten die Füße in der Luft. Mika hatte das Bett selbstgebaut und es war so hoch, dass man hinaufspringen oder einen kleinen Hocker benutzen musste, um hochzukommen. Mika mochte, dass es auf einer Art Anhöhe stand und sich so weit vom Boden abhob, denn so hatte er_sie das Gefühl, zu schweben. „Erstmal Kaffee“, dachte Mika, schlüpfte in eine Jogginghose, warf sich das schwarze T-Shirt vom Vortag über und machte sich auf den Weg in die Küche. Dort gab es keinen bestimmten Dresscode, man konnte kommen, wie man war und niemandem fiel es auf.

Mika stieg die Treppen hinab und öffnete die Tür zur Küche. Dort lungerten nur Tom, Benny und Chrissy herum. Letztere nippte an einem Glas Orangensaft und las Zeitung, die anderen beiden schnibbelten Salat und waren in ein leises Gespräch vertieft. Obwohl die Küche für alle Hausbewohner_innen aus dem Hinterhaus, also ganze 15 Personen, vorgesehen war, kam man sich hier nicht wirklich in die Quere. Der Raum maß 46 Quadratmeter, hatte eine große Sofa-Ecke und einen massiven, dunklen Holztisch, den Mika vor einigen Jahren selbst geschreinert hatte. Hier und da waren schon einige Kratzer im Holz zu sehen, aber das störte Mika nicht. Wo gehobelt wird, da fallen Späne - das war Mikas Motto oder besser ausgedrückt: Wenn 15 Leute tagtäglich am gleichen Tisch sitzen, gibt es Verschleißanzeichen, das war klar.

Alle drei hoben kurz den Kopf, als Mika hereinkam und grüßten mit einem Unisono „Guten Morgen“. „Hey“, entgegnete Mika und holte die kleine, silberne Espressokanne aus dem Regal. Seit sieben Jahren schon wohnte er_sie hier, die Espressokanne gab es schon mindestens genauso lange. Mit routinierten Bewegungen schüttelte Mika das kleine Sieb mit dem alten Kaffee in den Biomüll und hielt es kurz unter fließendes Wasser, um auch den letzten Rest Kaffeepulver zu entfernen. „Hast du schon gehört, was passiert ist?“ fragte Benny und schaute Mika fragend an. Mika wandte den Kopf und blickte den langjährigen Mitbewohner an. „Nein“, antwortete er_sie, „was denn?“. Bennys ernster Blick und sein mitleidiger Gesichtsausdruck machten Mika Sorgen und ließ Unruhe in ihm_ihr aufkommen. „Sie haben Lotte festgenommen“, sagte Benny und schluckte.

Mika ließ den Löffel fallen, mit dem er_sie gerade Kaffee in das kleine Sieb gefüllt hatte. „Shit!“, entfuhr es ihm_ihr und sie hielt sich an der Küchenablagefläche fest. Schon lange hatten sie damit gerechnet, aber dass es jetzt so schnell passieren würde, das hätte Mika nicht gedacht. Er_sie musste sofort zu ihr, Lotte brauchte ihn_sie jetzt. Angst machte sich in Mika breit und Mika überlegte fieberhaft, was als nächstes zu tun war. „Bist du okay?“, fragte Benny und kam auf Mika zu. Er wollte Mika eine Umarmung geben, aber der_die winkte nur ab. Der Espresso musste warten, jetzt musste sich Mika erstmal um Lotte kümmern. Und darum, sie wieder aus dem Knast zu kriegen.