Dennis Müller

Blaue Augen inmitten der Herde

Nicht einmal die Musik, die aus meinen Kopfhörern kam, konnte den lauten Schrei des nach Alkohol stinkenden Mannes übertönen. „Scheiß BRD-GmbH, sie haben mir alles genommen!“ wiederholte er mehrmals, während er torkelnd den Bahnsteig hinunter auf mich zulief. Ich versuchte ihn zu ignorieren, ihn nicht anzusehen, aber meine Neugier befahl mir, einen flüchtigen Blick zu erhaschen. Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke, und als ich seine müden, toten Augen sah, verlor ich die Hoffnung, dass er sich je wieder zurück ins Leben kämpfen würde. Ich ging ein paar Schritte zurück und ließ ihn passieren, seine Fahne überdeckte für kurze Zeit den an sich schon üblen Geruch des Bahnsteigs.

Nichtsdestotrotz war es diesmal der Zug, der mich überraschte. Denn dieser kam pünktlich und ich hoffte, dass ich dem nach billigem Bier stinkenden Mann nicht wieder begegnen würde. Es schien mein Glückstag zu sein, denn obwohl der Bahnsteig mit an Zombies erinnernden Menschen gefüllt war, erwischte ich ein ruhiges Abteil, in dem nur zwei Frauen saßen. Während der Zugfahrt bemerkte ich ein weiteres Mal das Opfer der Zivilisation, als die Natur und das Grün der Bäume immer mehr vom Grau der Fassaden und der Straßen verschlungen wurde, ehe man schließlich nur noch Stadt sah.

Am Zielbahnhof angekommen, schlängelte ich mich durch die schier nicht enden wollenden Menschenmassen hinaus, um den betörenden Duft der Abgase zu riechen. Das Ansehen fremder Augen, die sowohl mit Hektik als auch Leere gefüllt waren, schien auf mich abzufärben. Seelenlos wandern wir tausende Straßen entlang, bloß um einer nicht zufriedenstellenden Berufung hinterherzujagen. Wer sind diese Menschen, die sich zwar durch die Farbe ihres Anzuges unterscheiden, aber dennoch alle den gleichen Blick teilen? Sind sie glücklich und mache ich vielleicht denselben Eindruck auf andere Menschen, während ich den Asphalt entlangschreite? Wie nehmen sie die Stadt wahr? All diese Fragen benötigen eine Antwort, allerdings scheint keiner die Zeit dafür zu haben.

Wenn mich nicht Gedanken wie diese beschäftigten, versuchte ich, jede andere Farbe als Grau und Schwarz wahrzunehmen, um mich nicht zu sehr unterkriegen zu lassen. An manchen Tagen munterten mich die vereinzelt stehenden Bäume auf, die der Kettensäge noch nicht zum Opfer gefallen waren. An anderen Tagen musste ich mit den fast schon exotisch anmutenden Farben der Ampeln vorliebnehmen. Es war nicht alles schlecht an der Stadt, dennoch schien es von Tag zu Tag schwieriger zu werden, die schönen Orte zu finden.

Wie ein Herdentier bewegte ich mich von Ampel zu Ampel und von Straße zu Straße. Wo ist unsere Individualität hin? Es kam daher einem Wunder gleich, als ich in einiger Entfernung ein pinkes T-Shirt sah. Es kam immer näher, und so bemerkte ich eine Frau, die inmitten der Herde und doch allein die Stadt durchquerte. Ich schaute ihr in die Augen, und im einzigartigen Blauton ihrer Pupillen konnte ich die Schönheit der Erde sehen. Sie schaute mich an und schenkte mir ein Lächeln. Ich haderte mit mir, wie ich denn reagieren sollte. Schließlich drehte ich mich um und sagte: „Hi“ und erwiderte ihr ein Winken. 

 

 

 

Hannah Geiger

„Darling“

Ihre Füße schmerzten, als sie den Broadway entlang zur U-Bahn lief. Seit sechs Uhr in der Früh war sie auf den Beinen, jetzt schrien ihre müden Füße nach ein wenig Erholung. Obwohl es schon dunkel war, leuchteten die Straßen um sie herum hell. Die vielen Straßenlaternen und die blinkenden Anzeigentafeln verschiedener Theaterstücke und Shows – nicht umsonst wurde der Broadway „The Great White Way“ genannt, jeder wollte hier jeden sehen können und von jedem gesehen werden.

Immer, wenn sie abends um 20:30 Uhr Feierabend hatte und sich auf den Heimweg machte, lief sie den Broadway entlang und begegnete all den extravaganten Personen, die um diese Zeit auf dem Weg ins Theater waren. Männer mit schicken schwarzen Anzügen und dazu passenden Hüten und Frauen mit eleganten, glitzernden Kleidern, die sich lachend bei den Männern unterhakten.

Rose beneidete diese Frauen um ihre Kleider und ihren schönen Schmuck, mehr aber noch um ihr Lachen und ihre Unbeschwertheit. Diese Paare strahlten das aus, was für Rose unerreichbar war – dass der Abend ihnen gehörte und alles für sie bereithielt. Vielleicht begaben sie sich nach dem Theaterstück in eine der nahegelegenen Bars, tranken Whiskey und Martini und flirteten oder sie aßen einen Hotdog in einem der vielen Straßenläden, um den Abend danach gemeinsam im Bett ausklingen zu lassen. Alles war möglich für diese Leute.

Für Rose dagegen war jeder Abend vorhersehbar. Von Montag bis Samstag arbeitete sie in der Kanzlei und saß danach in drei verschiedenen U-Bahnen, um nach Hause nach Brooklyn zu gelangen. Dort machte sie sich einen kleinen Snack, meistens Toastbrot mit ein paar Oliven und Spam, und fiel dann todmüde ins Bett. Am nächsten Tag ging alles von vorne los.

„Watch out, Lady“, plötzlich drang die Stimme eines Mannes laut an Roses Ohren. Sie war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn gar nicht gesehen hatte. Er lag mit ausgestreckten Beinen angelehnt an einer Hauswand, neben sich eine in eine braune Papiertüte gehüllte Flasche. Sein beiger, speckiger Hut, der wohl mal glorreichere Zeiten gesehen hatte, saß schief auf seinem Kopf und seine Nase war rot und aufgequollen. „Sorry“ murmelte Rose und stieg hastig über seine Beine hinweg. „No Problem, Darling“ lallte ihr der Mann hinterher. „Lady“, „Darling“, „Honey“ – Rose war es gewohnt, nicht bei ihrem richtigen Namen genannt zu werden. Ihr Chef, ein wohlhabender Anwalt Mitte 50, konnte sich auch nach den drei Jahren, die sie in seiner Kanzlei schon als Sekretärin arbeitete, ihren Namen nicht merken. Er schaute sie nicht einmal an, wenn er etwas von ihr wollte. „Darling, please call Mister Bryer for me“, „Honey, get me a taxi, will you“. Die Fragen waren auch nicht wie Fragen formuliert, sondern eher wie Aussagen oder Forderungen. Seine Stimme blieb stets monoton gleich und hatte einen harten Unterton.

„Rose, Rose, Rose“. Rose musste sich ihren Namen selbst vorsagen, um ihn nicht zu vergessen. Ihre Mutter hatte sich schließlich etwas dabei gedacht, als sie sie nach einer der schönsten Blumen der Welt benannte. Ein hoffnungsvoller Name, der ihr eine wohlduftende, rosige Zukunft bescheren sollte. Die eines sanften Mädchens, das zu einer schönen Frau heranwachsen, heiraten und Kinder bekommen sollte. Dass sie nun allein in Brooklyn wohnte, ihre Miete selbst bestritt und seit drei Jahren arbeiten ging, hätte ihre Mutter wohl nicht gedacht, als sie das kleine Bündel Menschlein das erste Mal in den Armen hielt und ihm diesen zarten Namen gab.

Stets hing ihre Mutter ihr in den Ohren, sie solle doch zurück nach Pennsylvania kommen, sich einen netten Mann suchen, heiraten und sich niederlassen. „No way!“ schoss es Rose durch den Kopf, als sie die Treppe zur U-Bahn hinunterlief. Sie liebte ihr unabhängiges Leben, die Fülle am Broadway, die vielen Lichter, selbst das Gehupe der Autos. All das zeigte, dass sie am Leben war, inmitten von Trubel und Geschehnissen. Vielleicht, so ihre Vorstellung, stand ihr so auch noch etwas Aufregendes bevor. Sie war schließlich jung, dreiundzwanzig, und das Leben lag noch offen ausgebreitet vor ihr wie ein unbeschriebenes Notizbuch.

Ja, sie wollte noch hoch hinaus. Kurzentschlossen drehte sie sich um, hastete die Treppen wieder nach oben und stellte sich vor den betrunkenen Mann auf dem Boden. „Hey! My name is not Darling!“, rief sie ihm zu. Der Mann blickte verdutzt nach oben. Sie lächelte, zog einen Dollar aus der Tasche, zwinkerte dem Mann zu, gab ihm den Dollar, drehte sich um und entschwand wieder im U-Bahnhof-Eingang. Und morgen würde sie ihren Chef an ihren richtigen Namen erinnern.

 

 

 

Laura Kulik

Fliegende Gefühle

Delayed. Verspätet. Immer abwechselnd konnte Sven diese Worte lesen, als er auf die Anzeigetafel zum Flug IB 3290 nach Barcelona blickte. Eine Stunde später saß er mit seinen Eltern im duty-free Bereich des Flughafens und versuchte sich die Zeit zu vertreiben. Er flanierte zwischen den Geschäften umher und es zog ihn in die Buchhandlung. Hier hatte er seine Ruhe. Kaum jemand war hier. Nur bei den Zeitschriften standen wenige Menschen herum. Für Sven der perfekte Zufluchtsort. Man konnte vergessen, wo man war und was um einen herum passierte. Selbst die Zeit schien anders zu verlaufen. Langsamer. Aber doch schneller.

Er stöberte durch die Regale, ging vorbei an Krimis und Ratgeberliteratur und fand endlich wonach er suchte. Kafka, Hesse, Rilke und viele andere Klassiker. Die meisten Bücher hier hatte er schon gelesen. Trotzdem blätterte er gern darin. Suchte seine liebsten Passagen heraus und erinnerte sich, wie es war, sie zum ersten Mal zu lesen. Er wusste nicht, wie lange er schon dastand, doch er spürte, dass er beobachtet wurde. Zuerst dachte er, es wäre Einbildung und versuchte, es zu ignorieren. Dann hörte er jemanden auf ihn zukommen.

„Hast du dich entschieden?“ fragte eine tiefe männliche Stimme. Sven drehte sich um. Vor ihm stand ein junger blonder Mann mit breiten kantigen Schultern. Er hatte blaue Augen. Solche, wie Sven sie vorher noch nie gesehen hatte. Die Art Augen, die zugleich zärtlich und anmaßend wirkten.

Sven wusste nicht, was er antworten sollte. War das eine ernst gemeinte Frage? Wie lange hatte er schon dagestanden und ihn beobachtet? „Eigentlich nicht“, sage Sven. Seine Stimme klang leicht gebrochen. „Ich suche gar kein Buch. Will mir nur die Zeit vertreiben.“ Der Blonde nickte. Schweigen. Er ging nicht weg. „Stehst du schon lange hier?“ fragte Sven und war von seinem Selbstbewusstsein überrascht. Der Blonde lächelte und blickte zu Boden. „Eine Weile. Hier ist gerade nicht viel zu tun. Die Leute bleiben selten so lange hier und lesen Rilke.“ Sven sah auf das Buch in seiner Hand. Briefe an einen jungen Dichter. Plötzlich klingelte sein Handy. Es waren seine Eltern. Wahrscheinlich gab es Neues zum Flug. Er verließ kurz den Laden, um zu telefonieren. Tatsächlich. Das Boarding startete in fünfzehn Minuten.

Sven blickte zurück und sah, wie der Fremde zur Ladentheke ging, um Kunden zu kassieren. Plötzlich fiel ihm auf, dass er noch immer das Rilke-Buch in der Hand hielt. Er griff in seinen Rucksack und riss einen Zettel aus seinem Notizbuch. Hastig schrieb er und legte den Zettel ins Buch. Seite fünf. Die Einleitung.

Nachdem er das Buch zurückgestellt und den Laden verlassen hatte, bereute er seine Tat bereits. Wahrscheinlich würde der Blonde später über ihn lachen. Oder jemand völlig Fremdes würde das Buch kaufen und den Zettel wegschmeißen. Er wollte die ganze Sache vergessen. Mit bitterem Schamgefühl im Magen stieg er in den Flieger. Am Sitzplatz angekommen, nahm er sein Handy in die Hand, um den Flugmodus zu aktivieren. Da erschien eine Nachricht auf seinem Bildschirm. Von einer fremden Nummer. „Guten Flug, junger Fremder. Wenn du wiederkommst, können wir vielleicht über Rilke sprechen. Franc.“ Sven lächelte.

 

 

 

Alexander Wilming

Dortmunder Studentenwohnheim

Die Tür öffnete sich. Sven setzte den ersten Schritt in das kleine Zimmer. Es war ein typisches Zimmer eines Studentenwohnheims in Dortmund, nichts Besonderes. Schon der Linoleumgeruch auf den Fluren des aufgehübschten und trotzdem in die Jahre gekommenen Plattenbaus, in dem sich das Wohnheim jetzt befand, stieg Sven beim Betreten des Gebäudes in die Nase. Und dort sollte er die nächsten Jahre leben? Sein Wunsch war es, nach dem Abitur, das Sven bevorstand, Architektur an der TU zu studieren. Sven wollte ein berühmter Architekt werden. Er wollte durch seine Bauten bekannt werden und sich in der Stadt Dortmund verewigen. Einer der besonderen Menschen sein, an die nach ihrem Tod noch gedacht wird. Nicht einer der Vielen, die in der Masse untergehen und nichts der Welt hinterlassen haben. Architekten verewigen sich in ihren Gebäuden. Sven bewunderte diese Menschen, die stilvolle Gebäude und öffentliche Orte in ihren Köpfen kreieren und an ihren Schreibtischen zu Papier bringen. Dortmund hätte es bitter nötig, einen genialen Architekten zu haben. Das fiel Sven auch beim Betrachten des Studentenwohnheims auf. Er fühlte sich in seinen Zukunftsplänen wieder einmal bestärkt.

Der eigentliche Grund, warum Sven die Tür des Zimmers im Studentenwohnheim öffnete, war nicht der, sich nach einer geeigneten Bleibe für sein Studium umzusehen, wie man vielleicht denken mag. Es war ein „Match“ auf Tinder. Sie hieß Katharina, war drei Jahre älter als Sven und studierte an der TU Dortmund Architektur. „Das ist die Frau fürs Leben“, hatte Sven schon beim Nach-rechts-Swipen ihres Profils in der App gedacht. Er fand sie auf der Stelle attraktiv und malte sich augenblicklich aus, wie sie sich wohl bewegte, wie sie roch, wie sie war. Er hatte doch bisher nur ein paar wenige Fotos von ihr gesehen. Wir passen einfach zusammen, dachte er sich. Vielleicht dachte sie das auch?

Wie das Abreißen eines Kalenderblattes an der Wand fühlte es sich beim Swipen auf Tinder normalerweise an. Der abgerissene Tag, das weggewischte Profil wird vergessen und man konzentriert sich auf den nächsten Tag, das nächste Profil. Die Tage verfließen und die Accounts verlieren sich. Doch bei Katharina war es anders gewesen. Sie blieb in Erinnerung und nun stand er vor ihrer Tür.

Es begann mit einem einfachen „Hi“ im Chat, das Monate zurücklag. Weil er nicht recht wusste, was er schreiben sollte, hatte er ein vortastendes „Hi“ geschrieben. Vielleicht war das Match doch ein Versehen und es hätte nie eine Antwort auf sein „Hi“ gegeben. Was hätte man ansonsten schreiben können? Er war nicht der Typ fürs Flirten, war sowieso überrascht, dass er nach Tagen erst die Nachricht auf sein Smartphone bekam, dass er ein Match mit Katharina hatte. Eine Stunde später hatte es die Antwort auf sein „Hi“ gegeben, die ebenso ein schüchternes „Hi“ gewesen war. Diese schüchterne „Hi“ stand jedoch für ein großes beiderseitiges Interesse aneinander.

Und wie war es dann weitergegangen? Man kann es sich denken, wenn man doch weiß, dass Sven vor der Tür von Katharina stand.

Sven fühlte sich eingeschüchtert, eine Architekturstudentin zu treffen, aber auch euphorisch, als er die Tür zu Katharinas Zimmer öffnete. Er kannte sie doch überhaupt nicht. Die, die ihm auf seine Nachrichten geantwortet hatte, war doch nur der Account und nicht wirklich Katharina, hatte er eben noch gedacht, als er durch die Flure gelaufen war. Es könnte doch jemand ganz anderes sein, der ihm geantwortet hatte und hinter der Tür erwartete ihn nicht Katharina. Er zweifelte.

Wie oft hatte er den Augenblick durchdacht, wie es sein würde, wenn er Katharina zum ersten Mal sehen würde. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte Sven Katharina nur von Fotos. Er malte sich aus, dass sie in Wirklichkeit viel hübscher  war als auf den Fotos. Es bestand gar keine andere Möglichkeit, als dass es anders sein könnte. Sie war seine Traumfrau.

Und warum sollte gerade das erste Treffen in Katharinas Zimmer sein? Das war doch unüblich. Das erste Treffen war doch normalerweise in einem Café, weit weg von den eigenen Wohnungen. Nun ja, Katharina hatte Svens Interesse an Architektur mitbekommen und ihn zu sich eingeladen, damit sie zusammen an einem Architekturmodell für ihr Studium weiterarbeiten konnten. Sie fand Sven nett, weil er so sehr an ihr interessiert war, was nicht viele Männer waren. Sie fand Sven so sympathisch, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen war, ihn nicht direkt zu sich nach Hause einzuladen. Es kam ihr so vor, als würden sie sich beide schon ewig kennen.

Die Tür ging auf und da stand Katharina und sie war noch schöner, als Sven es sich hätte träumen lassen.

 

 

 

Christian Dypa

Justus & Justina

Justina hat Pharmazie studiert und pendelt nun täglich zwischen Labor und Zahnarztpraxis – jedoch als Kurierfahrerin für Zahnprothesen. Das hatte sie sich auch anders vorgestellt. Finanziell war das nicht besonders ertragreich und viel Lust hatte sie auch nicht darauf. Daher war sie auf der Suche nach einem vermögenden Lebenspartner, der ihr es ermöglichen würde, sich ausschließlich auf ihre Influencerin-Karriere bei Instagram zu fokussieren. Ihre Flirtversuche im Nobelclub P1 in München waren bisher nicht von Erfolg gekrönt, was vor allem daran lag, dass sie bisher noch nie an den Türstehern vorbeigekommen war.

Große Hektik im Labor. Angespannte Stimmung. Nervöse Zahntechniker. Eilauftrag. Wichtiger, einflussreicher, cholerischer Kunde. Schnelle Zustellung der Zahnprothesen sei von enormer Wichtigkeit. Bla Bla Bla. Justina seufzte und verdrehte genervt die Augen, als sie das Labor mit der Zahnprothese verließ und ins Auto stieg. Bevor sie losfuhr, widmete sie sich noch kurz ihrer Social-Media-Karriere. Sie hatte jetzt fast eine Viertelstunde nicht mehr ihr Instagram-Profil gecheckt. Die Neugierde und Vorfreude war groß. Wie viele neue Likes und Follower waren in dieser Zeit dazugekommen? Nur fünfundvierzig neue Likes und dreizehn neue Follower. Sie war sehr enttäuscht.

Stau in der Münchener Innenstadt. Auch wenn sie fliegen könnte, würde sie die Zahnprothesen nicht mehr innerhalb der geforderten halben Stunde in der Praxis abliefern können. Außerdem war es eh immer schwierig, vor 16 Uhr einen Parkplatz vor der noblen Zahnarztpraxis zu finden. Daher entschied sie sich dafür, erst noch ein Instagramvideo aufzunehmen und anschließend ihre privaten Einkäufe im Supermarkt zu erledigen. Im Supermarkt fiel ihr ein junger und dynamischer Mann auf. Sie näherte sich ihm unauffällig. Ihr Herz begann vor Aufregung wild zu pochen. Er war es wirklich. Die Ikone der Schnösel-Studenten: BWL-Justus. Gel-Frisur, weißes Polohemd, den weißen Lacoste-Pullover lässig um die Schulter gelegt. Multimillionär, Snob, arrogant, dekadent, despektierlich. Als Justus in Justinas Einkaufswagen blickte, lachte er laut auf. „Das Corona-Starterpack der Proletarier: Toilettenpapier, Nudeln, Mehl und Desinfektionstücher.“ Justus fügte süffisant hinzu: “Meine Geldanlage: Wertpapier! Deine Geldanlage: Klopapier!” Justus‘ charakteristisches arrogantes Lachen hallte durch den Supermarkt. Justina fragte neugierig: „Was machst du eigentlich hier?“ Justus antwortete offen und ehrlich: „Dieser dreiste Supermarkt bietet dem Pöbel Tennisschläger zum Kauf an. Tennis ist der weiße Sport. Das ist nur Adeligen und Multimillionären vorbehalten. Das ist nichts für das Proletariat. Ich schneide die Bespannung der Tennisschläger durch, damit der Pöbel nicht die Tennisplätze entweiht.“ Justina nickte zustimmend und fragte Justus zögerlich: „Du bist doch Millionär, oder?“ Justus korrigierte Justina: „Ich bin Multimillionär!“ Justinas Herz begann zu rasen. Sie war verliebt. Es war Liebe auf den ersten (Bankkonto-)Blick. Doch dann begann Justus mehrfach zu niesen und er verschwand mit den Worten: „Ich bin wohl gegen Proletariat allergisch.“

Vor dem Supermarkt traf sie Justus wieder. Er war erstaunt und fragte Justina: „Was sind das für runde Objekte, die der Pöbel in den Einkaufswagen steckt?“ „Das sind 1-Euro-Münzen“ antwortete Justina brav. Justus daraufhin: „Was ist das? Kenne ich nicht. Kann man für den Einkaufswagen auch 500-Euro-Scheine verwenden?“ Justus lachte laut. Anschließend begann er über das Leben zu sinnieren. „Wieso haben viele Studenten gegen Monatsende eigentlich kein Geld mehr? Man kann doch einfach zum Automaten gehen und welches abholen. Warum müssen Studenten neben dem Studium arbeiten? Man kann auch einfach ein paar Aktien verkaufen.“ Beide grinsten. Dann wurde Justus ernst. Seine Stimme wurde zittrig. Er gewährte einen Einblick in die schwerste Zeit seines Lebens. Eine Zeit, die ihn sehr geprägt hat: „Vater wollte, dass ich auch mal weiß, wie es sich anfühlt, kein Dach über den Kopf zu haben. Deswegen hat er … (dramatische Pause, Justus wischte sich eine imaginäre Träne vom linken Auge)… mir den neuen Porsche 911 Turbo als Cabrio zum Namenstag geschenkt.“ „Lieber mit dem Cabrio zum Tennis als mit dem Fahrrad zur Arbeit“, fügte Justina hinzu. Beide lachten. Justina fragte, ob er sie bei Facebook als Freundin hinzufügen könnte, um in Kontakt bleiben zu können. Justus musterte Justina mit kritischen Blick. „In meinem Freundeskreis herrscht bekanntlich Anwesenheitspflicht. Wer kein Anwesen hat, passt da nicht rein.“ Plötzlich klingelte Justus` goldenes iPhone. Sein Vater war außer sich vor Wut. Er säße immer noch beim Zahnarzt und warte darauf, dass ein Kurier endlich seine neue diamantenbesetzte Zahnprothese zustellte.