Alexander Werner

Der letzte Baum im Regenwald

Plötzlich stehe ich mutterseelenallein da. Alle meine Freunde um mich herum sind bereits verschwunden und es macht mich sehr traurig, einsam zu sein. Dieses Horrorszenario spielt sich in meinen Träumen beinahe jede Nacht ab. Vielleicht fragst du dich, wer ich bin. Ich bin dreihundertsechzig Jahre alt und ein Baum des Regenwaldes. Aber warum stelle ich mich eigentlich vor, wenn mir die meisten Menschen sowieso keine Beachtung schenken? Es gab natürlich mal eine Zeit, doch das ist Millionen von Jahren her. Trotzdem möchte ich meine Geschichte erzählen …

Ich lebe im Jahr 2020 und höre Kettensägen. Diese geben lautes und angsteinflößendes Brummen und Knattern von sich. Es kommen Tausende von Mördern. Die schrecklichen Geräusche werden immer lauter. Ich spüre, unsere Mörder kommen immer näher. Die älteren Bäume versuchen mich zu beruhigen. Am Ende wird es kurz und schmerzlos sein, sagen sie mir immer. Doch damit kann ich mich nicht abfinden. Was soll am Ende aus mir werden? Ein Versandkarton für das neueste Smartphone? Palmöl in Nutella? Dafür geben ich und alle anderen Bäume den Menschen Sauerstoff? Das ist der Dank der Menschen?  

Nur die Tiere sind dankbar und nutzen uns liebevoll als ihr Zuhause. Doch durch die Menschen werden auch sie immer weniger. Arten, die lange vor den Menschen auf unserem Planeten lebten, sind durch ihre Hand ausgestorben – ob Amphibien, Säugetiere oder Vögel. Und täglich verschwinden weitere Arten.

Damals, Millionen von Jahren vor meiner Zeit, war es auf dieser Erde noch harmonischer. Das haben mir die älteren Bäume erzählt. Denn wir, die Jüngsten, hören immer zu, was uns die Ältesten über unsere Ahnen erzählen. Damals lebten Tiere und Bäume im Einklang mit der Natur. Und Mutter Natur war glücklich darüber. 

Doch vor etwa 140.000 Jahren brachte die Evolution eine neue Spezies hervor: die Menschen. Zunächst schienen auch sie unsere Freunde zu sein. Wir lebten friedlich zusammen. Die Menschen pflegten uns, nutzten unsere Blätter für ihre Häuser und unsere Früchte als Mahlzeiten. 

Eines Tages entschieden sie sich jedoch, dass das, was sie besaßen, nicht genug sei. Statt im Einklang mit der Natur zu leben, arbeiteten die Menschen gegen sie. Die Menschen begannen zu bauen: Brücken, Maschinen und Häuser, höher und höher und weiter und weiter - bis ins Unendliche. Und sie verfielen über die Jahrhunderte in ein unermessliches Konsumverhalten. Dafür brauchten sie Unmengen an Holz und andere Rohstoffe des Regenwaldes, aber natürlich auch Rohstoffe aus anderen Gebieten des Planeten.   

Als Baum des Regenwaldes muss ich all dem und dem Sterben meiner Freunde tatenlos zusehen, so wie es auch schon Generationen vor mir tun mussten. Aber wir hatten natürlich auch Verbündete: Menschen, die die Natur ehren und bis heute noch im Einklang mit ihr leben. Jenseits jedes Fortschritts versuchten sie seit jeher, die Natur zu bewahren.  

Doch ihre Speere waren stets machtlos gegen die Maschinen der Eindringlinge. Unsere Verbündeten starben bei dem Versuch, ihre Heimat zu schützen. Ebenso wie die Bäume und die Tiere, die für den Wunsch vieler Menschen, immer mehr haben zu wollen, ihr Leben lassen mussten – und müssen. Könnte ich weinen, würde ich es tun. Aber ich habe viele meiner Blätter aus Trauer verloren. Das sind meine Tränen. 

Auch wenn vieles verloren scheint, möchte ich meine Hoffnung niemals aufgeben. Es ist noch nicht zu spät. Doch die Menschen müssen verstehen, dass ihr grenzenloser Wunsch nach Konsum und ihre unendliche Gier nicht nur das Ende der Natur, sondern auch ihr eigenes Ende bedeuten wird. Ohne uns Bäume wird es kein Leben mehr auf der Erde geben. Nur durch gegenseitige Rücksichtnahme werden die Menschen, die Tiere und wir Bäume über viele Generationen zusammen existieren können. Und auch ich werde dann eines Tages nicht mutterseelenallein dastehen ...

 

 

 

Vanessa Kasprick

Terrassengejammer

Heute schreibe ich mal auf der Terrasse. Ich nehme mir das immer wieder mal vor und heute ist der Tag. Einfach draußen sitzen, unter dem Sonnenschirm den Gedanken freien Lauf lassen und dabei noch frische Luft und super Licht. Es ist warm, aber nicht zu warm. Ich komme nicht ins Schwitzen. Es weht ein kleiner Windhauch. Lose Blätter müssen mit einem Stein beschwert werden. Erste Zweifel. Ich schreibe weiter. Um mich herum viele Insekten, die fleißig von Blume zu Blume fliegen oder einfach um meinen Kopf herum. Erneut Zweifel. Warum sind Hummeln eigentlich so laut, wenn sie fliegen? Ich schreibe weiter. Mit jedem Windhauch fliegt irgendein Zeug von den Bäumen auf meinen Tisch. Wenn es aufprallt, erschrecke ich mich jedes Mal. Ich habe das Gefühl, dass meine Blätter jetzt irgendwie mit einer feinen Sandschicht bedeckt sind. Na toll, der großporige Stein war nicht ganz sauber. Erst einmal einen Schluck trinken, Situation analysieren, akzeptieren. Ich entschließe mich dazu, ab jetzt meinen Laptop zu nutzen. Über mir fliegen die Schwalben und diskutieren aufgeregt. Sie haben die Katze erkannt, die langsam auf mich zukommt. Nun wird auch mein Hund wach. Die Katze springt auf den Tisch, der Hund will am liebsten hinterher und über mir sind die Schwalben und wollen die Katze vertreiben. Alles beginnt zu wackeln und ich versuche, meinen Laptop zu schützen.

Langsam beruhigt sich die Situation. Der Hund geht laut schnaufend zurück unter den Tisch, klaut sich aus Frust einen meiner Badelatschen und kaut darauf herum. Die Katze lässt sich indessen nicht vom Tisch vertreiben, legt sich auf meinen steinbeschwerten Papierstapel und beobachtet abwechselnd mich und die Schwalben. Ich atme durch, trinke einen Schluck Wasser und schreibe weiter. Es ist jetzt kurz nach 11.30 Uhr, was bedeutet, dass jetzt die Nachbarn rauskommen und anfangen, unter der Gartenlaube Mittagessen zu kochen. Das Geschirr und vor allem das Besteck klappert. Und jetzt diskutieren sie auch noch. Angezogen von den Gesprächen, haben sich jetzt auch unsere Papageien dazu entschieden, in die Außenvoliere zu kommen und der Welt einen guten Tag zu wünschen. Unfassbar, wie viele Geräusche auf einmal erklingen. Ich höre den Hund unter dem Tisch, wie er an meinem Badelatsch nuckelt. Ich höre die Schwalben, die immer noch aufgeregt die Katze fokussieren. Ich höre die Hummeln, die um mich herum Nektar sammeln und ein ohrenbetäubendes Brummen von sich geben. Ich höre die Nachbarn, die jetzt mit dem Kochen anfangen und nicht vor 13 Uhr fertig sein werden, so wie jeden Tag. Ich höre die Papageien, die der Welt guten Tag wünschen und nun stimmt auch unser sprachbegabter Graupapagei ein und beginnt, die Katze in meiner Tonlage zu rufen, worauf diese mich eindringlich anstarrt und Antwort gibt, in dem Glauben, ich persönlich hätte sie angesprochen.

Und spätestens jetzt weiß ich, warum ich nie wieder bei uns auf der Terrasse schreiben werde. Weil man dort schlichtweg nicht schreiben kann. #SchreibfreieZone.