Vanessa Kasprick

Wake up Dr. D.

Morgens sechs Uhr in Deutschland. Der Wecker von Virologe Dr. D. klingelt. Er erschrickt, drückt auf die Schlummer-Taste und schläft wieder ein. Wie schön dieser fünf Minuten Schlaf sein kann! Der Wecker klingelt erneut. Schlaftrunken drückt Dr. D. wieder auf die Schlummertaste. So langsam kommen die Gedanken hoch. Was steht heute an? Welcher Tag ist überhaupt? Kann ich es mir leisten, noch einmal auf die Schlummer-Taste zu drücken? Vielleicht wenn das Frühstück um fünf Minuten verkürzt wird. Dr. D. beschließt, bis zum nächsten Klingeln zu warten und dann aufzustehen. Prompt ist wieder der schrille Ton zu hören.

Der Wecker wird nun endgültig ausgedrückt und grimmig angeschaut. Kann diese kleine Zeitmaschine etwas dafür, dass sie funktioniert? Dr. D. quält sich aus dem Bett und äußert wie jeden Morgen den Vorsatz, am Abend früher zu Bett zu gehen. Endlich in einer aufrechten Position angekommen, sucht Dr. D. mit zusammengekniffenen Augen nach der Brille. Bloß nicht das Licht anmachen. Langsam wach werden. Blick auf den Wecker. Schon wieder viel zu spät. Gedanklich wird das Frühstück um weitere fünf Minuten verkürzt. Statt eines gesunden Obst-Müslis wird es also wohl wieder einen Nutella-Toast geben. Zum Mitnehmen. Der erste Gang führt in die Küche. Das Licht brennt in den Augen. Schnell die Kaffeemaschine mit integriertem Mahlwerk anstellen. Ihr ohrenbetäubendes Mahlen lässt darauf schließen, dass die Kaffeemaschine ihren Dienst verrichtet. Neben den Augen tun Dr. D. jetzt auch die Ohren weh. Weiter ins Badezimmer. Der kalte geflieste Fußboden sorgt für einen halbherzigen Sprung auf den Badezimmerteppich. Erneuter Blick auf die Uhr. Der Zeiger rennt unbeirrt und unaufhaltsam weiter. Ein Blick in den Spiegel verrät, welche Spuren die aktuelle Situation in Dr. Ds Gesichtszügen hinterlässt.

 

 

Alexander Werner

Die trotzigen Hände

Meine Hände sind recht putzig,

aber leider oft sehr schmutzig.

Glaub mir, es ist wahr,

ich wasch sie nur einmal im Jahr.

 

Doch nun ist das nicht mehr möglich,

schmutzige Hände sind fast tödlich.

Besonders in der Corona-Zeit

halte ich stets die Seife bereit.

 

Auch denke ich an Desinfektion,

alles andere wär' blanker Hohn.

Doch meine Hände sind beleidigt,

dadurch sind sie kaum geschmeidig.

 

Sie schreien und meckern mich an,

als ob ich etwas dafür kann?

Die Situation erfordert es nun mal,

doch den Händen ist das egal.

 

Dann erkläre ich ihnen die Lage

über diese schlimme Plage.

"Hände, ihr müsst sauber sein!

Leuchtet euch das denn nicht ein?"

 

Das scheinen sie zu verstehen:

"Ein bisschen Hygiene würd schon gehen."

Nie um eine freche Antwort verlegen,

kommen sie mir nun doch entgegen.

 

Nun seh' ich, was die Krise aus mir macht,

das hätt' ich nie von mir gedacht.

Herrje, wo soll das nur enden?

Jetzt sprech' ich schon mit meinen Händen!

 

 

Andrea Weiss

Kasperl und Corona-Pipifax – ein komprimierter Einakter

Verteilte Rollen: K (Kasperl) und A (Zuhörer*innen)

K: Hallo, hallo! Kinder seid ihr alle zu Hause?

A: JA!

K: Seid ihr wirklich, wirklich zu Hause daheim?

A: Nein.

K: Bleibt einfach, wo ihr gerade seid, gebt auf, den Weg in die Hörsäle findet ihr ohnehin nie   (mehr).

A (devot): Ja.

K: Wollt ihr zu Hause etwas lesen?

A: Ja, au fein!

K: Die Bibliotheken sind voll von Onlineressourcen und schreiben könnt ihr immer.

A: Jetzt tut uns der Schultergürtel weh vom vielen Sitzen.

K: Wollt ihr ins Freie, um euch zu bewegen?

A: JAHH! Etwas Neues sehen und erleben!

K: Ätsch, ätsch, dürft nur in den nächsten Park, wenn ihr in der Gegend Ausflüge macht, verstopft ihr erst recht die Verkehrsmittel für die Leute, die sie wirklich brauchen.

A: Umpf. Haben Hunger…. (von der kurzen Suche)

K: Sucht ihr gerade online Rezepte für Pizzateig?

A: Knusprig soll er werden, dünn und zart.

K: Aber den Genuss möchtet Ihr schon auch teilen, wenn auch im virtuellen Raum?

A: Ja!

K: Dann installiert Euch ganz schnell Zoom, dann wird die Welt gut, besonders für Zoom.

A: Nein.

K: Eure digitale Privatsphäre habt ihr längst schon vor Zoom auch an Facebook und Google abgetreten.

A: Umpf...

K: Macht ja nix, freu Dich schon, wird in Zukunft noch selbstverständlicher und monopolistischer werden.

A: Ok.

K: Habt ihr auch brav Angst vorm bösen Corona-Pipifax?

A: Nein!

K: Habt ihr dann wenigsten Angst vor der Rezession und den Verwerfungen des Arbeitsmarktes?

A: Ja!

K: Ich fürchte mich auch schon davor, dass meine Dividendenausschüttung heuer nicht pünktlich kommt, aber zum Ausgleich habe ich mich mit Blackrock-Aktien eingedeckt.

A: Schön :)

K: Kinder, wisst ihr, wer an allem schuld ist, an allem Unglück der Welt?

A: NEIN?

K: Der hinterlistige Corona-Pipifax!

A: ?

K: Hui, da kommt er auch gleich aus der Versenkung. Schnell, schlagen wir den bösen Corona- Pipifax.

A: Au, ja!

K: Huj, jetzt habe ich ihn in meinem Sack gefangen! Hier liegt bereits mein schöner Prügel griffbereit. Da klebt noch das Blut vom Krokodil dran.

A: Ai!

K: Hau ruck, hau ruck! Immer nur fest draufhauen.

A: Au, ja! Das hilft immer.

K prügelt sich ins Delirium – danach glanzloser Abgang

 

 

Parallelgedicht: Alltagsleben

 

Bertolt Brecht: Vergnügungen                    Vanessa Kasprick: Langeweile

 

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen                 Der erste Blick in „Zoom“ am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch                                      Die wiedergefundene Motivation

Begeisterte Gesichter                                                        Angeödete Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten                            Online-Kurse, der Wechsel des Semesters

Die Zeitung                                                                          What´s App

Der Hund                                                                             Lustige Katzenbilder

Die Dialektik                                                                       Selbstgespräche

Duschen, Schwimmen                                                      Zähneputzen, Seinlassen

Alte Musik                                                                          Nachrichtenklingelton

Bequeme Schuhe                                                            Jogginghose

Begreifen                                                                          Hinnehmen

Neue Musik                                                                      Türklingel

Schreiben, pflanzen                                                        Klick, bestellt

Reisen                                                                               Balkonien

Singen                                                                               Klatschen

Freundlich sein.                                                              Maske auf

 

 

Josefine Zach

Begnügungen

Der erste Blick auf die Fallzahlen am Morgen

Die wiedergefundene freie Zeit

Maskierte Gesichter

Soziale Distanzierung, kein Wandel der Routine

Der Drosten-Podcast

Der Hamster(kauf)

Die Telefonkonferenz

Händewaschen, Desinfizieren

Frische Hefe

Extra weiches Klopapier

Begnügen

Trockene Hefe

Zuhausebleiben

Backen, Puzzeln

Spazieren

Freundlich bleiben