Warum und wie gruppenbezogene Vorurteile und Diskriminierung entstehen, dass ist eine wichtige Frage der Sozialwissenschaften.

Henri Tajfel1

Der britisch-jüdische Sozialpsychologe Henri Tajfel (1919 – 1982) dagegen vermutete den Grund für gruppenbezogenes diskriminierendes Verhalten auf einer tieferen Ebene; er ging davon aus, dass Diskriminierung unter Gruppen nicht unbedingt an „objektive“ Faktoren, beispielweise ökonomischer, kultureller, historischer, politischer und psychologischer Art, gekoppelt sein und auch nicht, wie Coser es annahm, einen klaren Grund haben muss. Seiner These zufolge entstehen Konflikte zwischen Gruppen allein durch den Umstand, dass es verschiedene Gruppen gibt.

Die Bildung von Gruppen, so Tajfel, ist ein notwendiges Mittel des Menschen, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden; so ist die wichtigste Kategorie, mit der ein Mensch seine Umgebung und sich selbst darin organisiert, die Aufteilung „Wir“ vs. „Sie“. Dies führt automatisch zu einer Identifikation mit der bzw. den eigenen sozialen Gruppe(n) und gleichzeitig zu einer Abgrenzung und meist einer Abwertung „der anderen Gruppe(n)“. In welche Gruppen ein Mensch die Gesellschaft einteilt, welche Eigenschaften er den verschiedenen Gruppen zuordnet, wie er sie hierarchisch einteilt und zu welchen Gruppen er sich selbst zählt, ist dabei weder zufällig noch in den meisten Fällen freiwillig und intentional; so lernt jeder Mensch von klein auf, wo er gesellschaftlich „hingehört“ und übernimmt dabei die Werte und Normen der eigenen Gruppe(n).

In mehreren Experimenten konnte Tajfel beweisen, dass gruppenbezogene Diskriminierung keinesfalls den Interessen eines Individuums nützen muss, ja, dass ein Individuum noch nicht einmal Vorurteile oder Feindseligkeit gegen die Mitglieder der „anderen“ Gruppe hegen muss, um diese zu diskriminieren. Anders herum muss ein Individuum die Mitglieder seiner Gruppe weder kennen noch schätzen, um sie den Mitgliedern der anderen Gruppe gegenüber zu bevorteilen; es reicht allein das Wissen, dass eine Person zur eigenen Ingroup und die andere zur Outgroup gehört, um erstere zu bevorteiligen und letztere zu benachteiligen.

Damit macht Tajfel die Ambivalenz von menschlicher Gruppenbildung deutlich: zum einen ist sie ein wichtiges Instrument des Menschen, sich gesellschaftlich zu verorten und zurecht zu finden, zum anderen führt sie fast unweigerlich zu diskriminierendem und dabei nicht selten zu schädlichem Verhalten. Die Kunst ist es also, Gruppen möglichst flexibel zu halten und Abwertungen „anderer“ Gruppen entgegen zu wirken.

Tajfel, Henri (1970): Experiments in intergroup discrimination. Scientific American, 223, 96-102.4